Leute
7. August 2008
Andree Verleger: „Das Auge sieht nur, was das Ohr hört"
Der Media Artist Andree Verleger ist der einzige Deutsche im Kreativ-Team für die Eröffnungszeremonie der Olympischen Sommerspiele in Peking.Der Mann steht unter Strom. Im Augenblick dürfte sich sein Zustand zu explosiver Hochspannung aufladen. In diesen Tagen blickt die Welt nach Peking, wo am 8. August die 24. Olympischen Sommerspiele eröffnet werden. Wenn das Feuer im Pekinger Stadion ankommt, ist das olympische Projekt von Andree Verleger fast schon Vergangenheit. Der 49-Jährige, der sich auf seiner Visitenkarte als Media Artist bezeichnet, hat als einziger Deutscher die Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele mitgestaltet. Sein Part ist das feierliche Finale, für das ein technischer Aufwand betrieben wird, wie ihn die Welt noch nicht erlebt hat, verspricht Verleger.
Fragebogen
Welches Auto fahren Sie privat? Smart
Lebensmotto? Die Suche nach den einzigartigen Momenten
Was treibt Sie an? Neugier
Was haben Sie sich zuletzt gekauft? Eine Fotokamera
Unverzichtbare Lektüre? Jim Bagott: "Matrix oder wie wirklich ist die Wirklichkeit"
Erste Tätigkeit morgens im Büro? Computer anschalten
Lieblings-DVD? „American Beauty"
Ihre beste Eigenschaft? Neugier
Ihre größte Schwäche? Ungeduld
Was tun Sie gegen Stress? Das wüsste ich auch gerne
Rückblende: Vier Wochen bevor sich in Peking der olympische Vorhang öffnet, sitzt Verleger in Düsseldorf an einem riesigen Holztisch - vor und neben ihm ein Computer, diverse Großbildschirme und zahlreiches technisches Equipment. Etwa 5 Meter gegenüber steht eine apricotfarbene Couchgarnitur, davor der laufende Fernseher. Daneben - abgetrennt durch eine gläserne Trennwand - sein Schlafbereich. In diesem Umfeld lebt und arbeitet er. In dem schlichten Geschäftshaus in der Erkrather Straße 4 hat er drei Etagen gemietet. Nicht die vornehmste Ecke der Landeshauptstadt - aber eine, die ihn inspiriert.
Genau genommen lebt Verleger hier mitten in seiner Kunst: Die wird allerdings erst nach Sonnenuntergang sichtbar, wenn Bildprojektionen auf die Fensterrollos das Haus von innen zum Leuchten bringen. Für die Betrachter von draußen verwandelt sich das Gebäude in einen riesigen, sich allmählich mit Wasser füllenden Behälter, in dem Menschen, Delfine und andere Wesen in Bewegung sind. Genau wie ihr Schöpfer Andree Verleger, der - wenn es ihn gerade mal auf seinem Stuhl hält - mit vollem Körpereinsatz und lebhaft gestikulierend von seinen Projekten erzählt.
Dabei sprudeln - fast wie nebenbei - ständig neue Ideen aus ihm heraus. Verleger bezeichnet sich selbst als „Überzeugungstäter", bringt sich mit ganzer Person in eine Sache ein, ändert die Richtung bevor ihn die Routine einholt und spielt dabei auch auf Risiko. Der Preis ist eine gescheiterte Beziehung und der Tinnitus im Ohr - der Lohn die völlige Abwesenheit von Langeweile.
Vom Kfz-Elektriker zum Künstler
Musik spielt für den inzwischen mit visuellen Mitteln arbeitenden Künstler nach wie vor eine wesentliche Rolle: „Das Auge sieht nur, was das Ohr hört." Der Inszenierungskünstler beherrscht auch die Selbstinszenierung.
Neben Olympia beschäftigen sich Auge und Ohr der One-Man-Show Verleger mit weiteren Projekten. Ein metaphorisches Filmtheater, das er gerne im Rahmen der Weltkulturstadt Essen 2010 inszenieren würde, das Bühnenbild zur Bonner Opernaufführung „Die tote Stadt" oder die dortige „Nacht der Museen". Seine Disziplin bezeichnet er selbst als „Perfollation", die Kombination von Performance und Installation.
Zwischen seinen Aufträgen träumt er von Cross-over Art - stellt sich vor, mithilfe von Projektionen auf das Tomaten-Bild von Andy Warhol die rote Frucht zum Platzen zu bringen. Diesem Mann gehen die Ideen nicht aus. Inge Sichau
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HORIZONT 20/2012 vom 17.05.2012
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