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31.07.2010

Leute


27. November 2008

Steffen Klusmann: „Das kann hier alles richtig rocken"

Steffen Klusmann Ab März ist „FTD"-Chef Steffen Klusmann „Mr. Wirtschaftspresse" bei G+J. Sein Modell birgt Risiken - aber noch mehr Chancen.

Freitag dieser Woche ist mal wieder so ein Tag: Steffen Klusmann muss sich und sein Leben umorganisieren. Eigentlich wäre ein langes Wochenende mit seinen beiden kleinen Töchtern an der Reihe gewesen. Doch in Berlin lädt der Bundespresseball alle wichtigen Medienmacher der Republik zu Tanz und Talk, und da muss Klusmann hin - gerade jetzt. Denn in diesen Tagen bereitet sich der 42-jährige Chefredakteur der „Financial Times Deutschland" auf eine neue, zusätzliche Aufgabe vor: Ab März ist Klusmann „Mr. Wirtschaftspresse" bei Gruner + Jahr.

Er selbst ist viel zu uneitel, um diesen Titel zu mögen. Und doch weiß er, dass er ihm fortan anhaftet. Klusmann, der künftige Leiter des Chefredakteur-Kollegiums der vier G+J-Wirtschaftstitel („FTD", „Capital", „Impulse", „Börse Online") und damit Boss einer Zentralredaktion mit 250 Köpfen, lehnt in diesem Moment in der Sitzecke seines Büros und massiert sich die Stirn. „Ich werde hier nicht den Obermufti spielen, der nur rumrennt und rumorganisiert." Er sieht sich vielmehr als „Primus inter Pares", als Erster unter Gleichen, der nur dann eingreift, wenn es Konflikte gibt.

Zwischen Magazin und Zeitung

Steffen Klusmann, 42, übernimmt zum 1. März 2009 die Leitung des Chefredakteur-Kollegiums der vier G+J-Wirtschaftstitel. Er ist seit 2004 Chefredakteur der „Financial Times Deutschland". Der Volkswirt arbeitete nach dem Volontariat an der Holtzbrinck-Schule als Redakteur für die "Wirtschaftswoche". 1996 wechselte er zum „Manager Magazin". Für die „FTD" arbeitete er seit 1999, zuerst in der Entwicklungsredaktion, anschließend als Ressortleiter Agenda. 2003 wechselte er als stellvertretender Chefredakteur zum „Manager Magazin" und kehrte ein Jahr später zur „FTD" zurück.

Und die wird es geben, wie in jeder Matrixorganisation: Auf der einen Seite werden die vier Chefredakteure auf das Wohl ihrer Titel achten. Auf der anderen Seite sind starke Ressortleiter für ganze Themenkomplexe verantwortlich. Und alle haben Zugriff auf die neue Riesen-Redaktion. Welcher Titel darf den Scoop drucken? Welcher Blattmacher darf in dieser Woche die begehrte Edelfeder einspannen? Muss der exzellent vernetzte Automobilexperte seine brisanten Informationen an Kollegen weitergeben? Das werden die Fragen sein, die Klusmann klären muss. Und dabei darf er nicht mehr nur das Wohl seiner „FTD" im Auge haben, denn ab März wird er am Erfolg des Gesamtprojekts gemessen.

Sobald es um journalistische Themen geht, rutscht Klusmann auf dem Sessel vor bis hart an die Kante und beugt sich nach vorne. „Wir werden manche Geschichten bewusst auf die Titel verteilen und Scoops über mehrere Marken transportieren - je nachdem, wie und wo wir die beste Wirkung erzielen." Ja, es könne sein, dass die „FTD", die er in seinen vier Jahren als Chef bewusst „magaziniger" gestaltet hat, etwa zugunsten von „Capital" bald auf die eine oder andere Lesegeschichte verzichten muss. „Aber wir werden die ,FTD‘ nicht auf News reduzieren", sagt Klusmann. Daher müssten sich auch die Magazine weiterentwickeln, müssten noch hintergründiger werden.

Fragebogen

Lieblingslogo? Puma
Welches Auto fahren Sie privat? Saab 900
Lebensmotto? Alles wird gut
Was treibt Sie an? Neugier
Was haben Sie sich zuletzt gekauft?
Habe mir eine Kompakt-Stereoanlage gegönnt
Lieblingsmusik? Brit-Rock, Soul
Ihre beste Eigenschaft?Vertrauen in die Kompetenz meiner Kollegen
Ihre größte Schwäche?Aufbrausendes Temperament
Wichtigste Inspirationsquelle? Gute Freunde und Konkurrenten
Lieblingswerbung? Ja, da war neulich was. Fällt mir aber gerade nicht ein.
Er scheut sich nicht, über die Klippen des Projektes zu sprechen, etwa über mögliche Ressentiments selbstbewusster Magazinredakteure ihm gegenüber. Ihm, der nun mitentscheidet, wer entlassen wird. Ihm, dem Chef der „FTD", die seit ihrer Gründung vor acht Jahren noch niemals Gewinne eingefahren hat. Die 2008 mit wohl 7 Millionen Euro doppelt so viel Verlust schreibt wie die drei Magazine zusammen. Und die jetzt die Führungsrolle in der G+J Wirtschaftspresse einnimmt. „Ich kann diese Reaktionen verstehen", sagt Klusmann. Er nennt aber auch die globalen Krisen, die diese Zeit begleitet haben, und deutet dezent an, dass die „FTD" nicht die einzige Zeitung mit roten Zahlen sei. Dass sich sein Blatt enormes journalistisches Renommee erschrieben hat, das sagt er nicht.

Klusmann, den viele Kollegen mit einiger Hochachtung als bescheidenen, völlig unprätentiösen Typen und bissigen, aber fairen Vollblutjournalisten beschreiben, blickt lieber nach vorne. „Wenn wir die Teams aus Magazin- und Zeitungsleuten, aus journalistischem Handwerk, Tiefgang und exzellenten Branchenkontakten richtig organisieren, dann kann das hier richtig rocken." Sonst hätte er auch gar nicht zugesagt, als der G+J-Vorstand ihm antrug, ein Modell zu entwickeln mit der Vorgabe eines 250-köpfigen Redaktionspools in Hamburg.

Dass auch er sich künftig anders organisieren muss, ist ihm klar. Weniger Blattmachen bei der „FTD", mehr Koordination ist angesagt - besonders bei „Capital", bis G+J und er dort einen Nachfolger für den scheidenden Chefredakteur Klaus Schweinsberg installiert haben. Doch bei allem Stress, der nun auf ihn zukommt: Wenn Klusmann seine Töchter bei sich hat, dann ist Pause, dann kommt er runter: „Meine Kinder interessieren sich für das ganze Gedöns rund um den Job eher weniger." Der Blackberry allerdings ist auch dann nicht immer abgeschaltet - aber nicht seinetwegen: „Die Kids spielen darauf." Er lehnt sich wieder zurück und lächelt, obwohl er in dieser wilden Woche sogar am Freitagabend „Mr. Wirtschaftspresse" sein muss. Roland Pimpl


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HORIZONT 30/2010 vom 29.07.2010
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