Trends
10. Juni 2010
Ohne weibliche Chefs geht es nicht
In der Kommunikationsbranche arbeiten mehrheitlich Frauen. Der Aufstieg ins Top-Management bleibt meist ihren männlichen Kollegen vorbehalten. Eine Gefahr im War for Talents. Telekom, WDR und HVB zeigen, wie Frauenförderung aussehen kann.Ob kräftiges Schütteln hilft? Fakten helfen bislang nicht: Studien wie „Women Matter“ von McKinsey belegen, dass die Unternehmen, in denen am meisten Frauen in der obersten Führungsetage vertreten sind, am erfolgreichsten sind. Dennoch sind weibliche Vorstände und Aufsichtsräte in Deutschland selten. Laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung sind nur 2,5 Prozent aller Vorstandsmitglieder der 200 größten Unternehmen (ohne Finanzsektor) Frauen. Und die HRM-Studie des Gesamtverbands Kommunikationsagenturen GWA zeigt, dass nur 4 Prozent der in Agenturen tätigen Frauen ins General Management aufrücken – obwohl mehr als die Hälfte der Beschäftigten weiblich sind.
Wer sich im War for Talents die Besten sichern will, kommt an Frauenförderung alleine aus quantitativen Gründen nicht vorbei: Die Zahl der weiblichen Abiturienten steigt kontinuierlich. „Es wäre zudem ökonomisch unsinnig, diese Talente schnell wieder zu verlieren“, sagt Claudia Funke, Director bei McKinsey.
Eile ist geboten, denn Deutschland geht der Nachwuchs aus: Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung wird sich die Zahl der jungen Erwerbstätigen in einigen Regionen bis 2015 halbieren. Bundesweit geht ihre Zahl bis 2025 um voraussichtlich 1,2 Millionen zurück.Einige Großunternehmen forcieren vor diesem Hintergrund Frauenförderungsprogramme. Die Hypo-Vereinsbank (HVB) hat beispielsweise einen Frauenbeirat gegründet. Das Gremium besteht aus rund 20 Frauen, die in Unternehmen verschiedener Größe wie HVB, Hewlett-Packard und Verlagsgruppe Passau in den obersten Führungsgremien tätig sind. Ziel des Gremiums ist es unter anderem, die Verankerung und Förderung von Frauen in der Finanzbranche zu verbessern. „Frauen stellen für uns eine sehr bedeutende Kundengruppe dar, außerdem sind mehr als 50 Prozent unserer Belegschaft Frauen. Dennoch sind sie im Management unserer Bank noch unterrepräsentiert. Das wollen und werden wir ändern“, begründet HVB-Vorstandssprecher Theodor Weimer das Engagement.
Auf die Beschleunigungswirkung einer Quotenregelung setzt Telekom-Personalvorstand Thomas Sattelberger: Das Unternehmen kündigte im März als erster Dax-Konzern eine Frauenquote an: Bis Ende 2015 sollen Frauen etwa jede dritte Position im mittleren und oberen Management besetzen. Eine erste weibliche Top-Personalie steht seit April fest: Anastassia Lauterbach ist neuer Chief Product & Innovation Officer und damit ranghöchste Frau des Bonner Konzerns. Ohne Quote hat SAP mit Personalchefin Angelika Dammann erstmals eine Frau in den Vorstand berufen. Die Ex-Unilever-Managerin ist nach Barbara Kux, seit 2008 bei Siemens, erst die zweite Frau im Vorstand eines Dax-Konzerns.
Auch der Westdeutsche Rundfunk (WDR) peilt eine Quote an: Langfristig sollen die Geschlechter paritätisch auf Führungsposten verteilt sein. Das wird laut dem 20. Jahresbericht der WDR-Gleichstellungsbeauftragten Wilhelmine Piter noch „mindestens 20 Jahre dauern, da die jährliche Steigerungsrate des Frauenanteils etwa 0,5 Prozentpunkte beträgt“. Aktuell stellen weibliche Führungskräfte einen Anteil von 35,3 Prozent des Personals im oberen Vergütungsdrittel des WDR. Eine Quote ist allerdings nach Ansicht von Beraterin Funke nur möglich, wenn sie mit der Kultur vereinbar ist und vom Top-Management getrieben wird.
Bei Agenturen fehlen Frauenförderprogramme. „Ich kenne keine Agentur weltweit, die gezielt Frauen für Führungspositionen vorbereitet und fördert. Doch gerade diejenigen Kommunikationsagenturen, die gesellschaftlich auf der Höhe der Zeit sein wollen, sollten solche Programme etablieren, um Ihre Relevanz für Auftraggeber zu sichern“, warnt Pitch-Berater John Sealey.
Dass es möglich ist, als kleinere Agentur mit rund 20 Angestellten weibliche Führungskräfte aufzubauen und trotz Familiengründung zu halten, zeigt Dorten in Stuttgart: Als der langjährige Geschäftspartner von Christian Schwarm die Agentur verlassen wollte, suchte der Inhaber einen Nachfolger und fand ihn in Nina Demirer. Bei den Gesprächen auf dem Weg zur Geschäftführung thematisierte die heutige Agenturchefin offen ihren Kinderwunsch, der bald Realität wird. Ihre Wiederkehr haben beide gemeinsam geplant und parallel Patrick Loechle als ihren Stellvertreter aufgebaut. Ab Februar 2011 leitet er mit Schwarm und Demirer die Agentur. Eva-Maria Schmidt
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