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Trends

26. August 2010

Arbeitsbelastung: Ausgleich muss möglich sein

Hart, anstrengend, hektisch und kräftezehrend waren die vergangenen anderthalb Jahre – auch für viele Beschäftigte in der Kommunikationsbranche. Kostendruck und knappe Ressourcen verschärfen zudem aktuell noch die üblichen Arbeitsbedingungen. Die Entwicklung der Medien trägt ihren Teil zur steigenden Belastung der Arbeitnehmer bei: Während die Arbeit zunimmt, wird sie komplexer – wer früher für einen TV-Spot zuständig war, soll sich heute Gedanken über die richtige Lösung, also über alle Kommunikationskanäle machen. Und natürlich müssen diese Gedanken jederzeit abrufbar sein. Schließlich ist der moderne Arbeitnehmer mobil und online ja rund um die Uhr erreichbar.

Die Folgen lassen sich aus den Statistiken der Bundesverbände der Krankenkassen herauslesen: Der Krankenstand steigt laut dem Fehlzeiten-Report 2010, den das wissenschaftliche Institut der AOK erstellt, seit 2007 kontinuierlich an. Die Zahl der Ausfälle wegen psychischer Erkrankungen ist in diesem Zeitraum dramatisch gestiegen, im vergangenen Jahr machten sie 17,6 Prozent der Krankmeldungen aus. Laut dem Bundesverband der BKK haben die dadurch bedingten Fehlzeiten in den vergangenen zehn Jahren um 40 Prozent zugelegt. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen – viele Arbeitnehmer trauen sich nicht, die Krankheit zu offenbaren, weil sie Angst haben, damit ihrer Karriere zu schaden. Kein Wunder also, dass die Barmer Burn-out in ihrem Gesundheitsbericht als Volkskrankheit einstuft.

#BR2#Wann wird aber aus Stress mehr, eine psychische Erkrankung, ein Burn-out? „Burn-out ist ein Zustand emotionaler und körperlicher Erschöpfung, der die Betroffenen von ihren Mitmenschen isoliert“, sagt Ulrike Roth, Arbeitsmedizinerin beim TÜV Rheinland. Betroffene kennen keine Grenze mehr zwischen einem gesunden Engagement und dem Zuviel. „Wer ausbrennt, hat vorher für etwas gebrannt“, sagt Roth. Meist tappen Engagierte, Pflichtbewusste und Hochmotivierte in die Burn-out-Falle. Roth rät Unternehmen dazu, Rahmenbedingungen zu schaffen, damit sich das Arbeitspensum des Einzelnen in einem machbaren Rahmen bewegt: „Eine systematische Ressourcenplanung verhindert, dass Einzelne ihre Arbeitskraft vielleicht sogar zunächst unbemerkt über Gebühr verschleißen.“ Dem Einzelnen empfiehlt sie Schulungen in Sachen Zeitmanagement und Selbstorganisation.

#BL3#Die Erkenntnis ist bei einigen Unternehmen bereits angekommen. Personalvorstand Thomas Sattelberger will beispielsweise die Telekom-Mitarbeiter entschleunigen. Sie sollen E-Mails am Wochenende nicht mehr beantworten müssen – außer in Not- und Krisensituationen. Das Unternehmen könne und solle nicht komplett über die Zeit der Menschen verfügen, sagte Sattelberger im „Handelsblatt“.

Ähnliches gilt bei Kolle Rebbe. Die Führungskräfte der Hamburger Werbeagentur sind angewiesen, Mitarbeiter, die sich nicht von ihrer „Werkbank“ trennen können, nach Hause zu schicken und nachzufragen, was hinter dem Dauerarbeiten steckt.

#BR4#Die Münchner Agentur Pact geht noch einen Schritt weiter: Die Geschäftsführung hat die Statuten der Firma neu formuliert. Einen Schwerpunkt bilden Regeln, die die Gesundheit der Organisation gewährleisten sollen. So hängt künftig die Bonierung der Führungskräfte zu 50 Prozent davon ab, ob sie in der Lage sind, für Ausgleich bei den einzelnen Mitarbeitern und in ihren Teams zu sorgen.

Die Führungskräfte müssen unter anderem darauf achten, dass die vereinbarten Arbeitszeiten eingehalten, die Arbeit in den Teams gerecht verteilt und für Ausgleich gesorgt wird. „In Spitzenzeiten ist es in Ordnung, wenn mehr gearbeitet wird als vereinbart. Aber dann muss es einen Ausgleich geben“, sagt CEO Mathias Valentin. Außerdem arbeitet Pact in Zukunft verstärkt mit Milestones und Zwischenpräsentationen. So will die Agentur die gerade im Projektgeschäft typischen Fehler wie Bummeln zu Beginn und die daraus resultierende Hektik kurz vor Fertigstellung des Konzepts vermeiden.

Hilfestellung

Für Arbeitgeber: Spezielle Beratungsangebote bieten beispielsweise die Trainer von Die Kernforscher, Hamburg. Bei den Agenturcoaches werden immer häufiger sofort anwendbare Tools und Tipps für den Stressabbau im Joballtag nachgefragt.
Für Arbeitnehmer:
Experten raten, die Vorsorge mit ausgeglichener Ernährung zu beginnen, regelmäßig bewusst Auszeiten zu nehmen (regelmäßige Stilleperioden im Arbeitsalltag, einen Tag pro Woche komplett arbeitsfrei halten) und feste Arbeitszeiten einzuhalten.
Burn-out-Test:
burnout-fachberatung.de/burnout-test.htm
„Wir benötigen vom Einzelmitarbeiter bis zum Vorstand ein neues Bewusstsein für die generell immer höher werdende Arbeitsbelastung in der dienstleistenden Branche. Aber Sorge für ein zumutbares Arbeiten und die Balance zwischen Belastung und Erholung trägt das Management des Unternehmens“, sagt Valentin. Er nimmt aber auch die Junioren sowie den Mittelbau in die Pflicht und verlangt, dass jeder auf sich selber achtet. „Lange Anwesenheit ist ein falsches Profilierungsmoment“, warnt Valentin.

Für den Gesamtverband Kommunikationsagenturen GWA ist Burn-out schon lange ein Thema. Bereits vor zehn Jahren hat die Branchenvertretung ein Versicherungspaket für die Mitarbeiter ihrer Mitgliedsagenturen geschnürt. Im GWA Pension Plan ist Burn-out mitversichert.

Jüngst wurde das Paket an die sinkenden Leistungen der gesetzlichen Krankenkassen angepasst. Unter dem Label „Agency Healthcare Plan“ können die Beschäftigten von GWA-Agenturen nun Vorsorgelösungen für die Themen Gesundheit, Berufsunfähigkeit, Ruhestand und Risiko abschließen, die nicht an die Betriebszugehörigkeit gebunden sind. „Das Angebot ist speziell auf die Bedingungen der Arbeitnehmer in der Agenturbranche zugeschnitten“, sagt Andreas Bodmann, Geschäftsführer bei Corporate Pension Partner, der Hamburger Unternehmensberatung, die das Paket für den GWA geschnürt hat. Eva-Maria Schmidt


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HORIZONT 05/2012 vom 02.02.2012
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